Die Wetschafts-Aue

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Die Wetschafts-Aue, in den heutigen Gemeinden Wetter und Lahntal kurz vor der Einmündung der Wetschaft in die Lahn bei Göttingen, ist eine der wenigen vorhandenen und noch betriebenen Au-Genossenschaften in der Bundesrepublik.

 

Die Wetschafts-Aue von Süden (Richtung Sarnau)

 

"Das Wehreinwart"

zwischen den Ortsteilen Lahntal-Goßfelden, LahntalSarnau, Lahntal-Göttingen und Wetter-Niederwetter. 

Ein kollektives technisches Kulturdenkmal zur Bewässerung der Auewiesen.

G. Landau, Das Wehreinwart im Amte Wetter.  Zeitschrift des Vereins für hessische Geschichte und Landeskunde.  Band 4, 1847, 167-182. Henseling

 

zusammengestellt von: Dr. Rolf Gensen, Zur Klause 43, 35041 Marburg

("Für mancherlei Hilfe bin ich dem heutigen Vorsitzenden Justus Metz aus Unterrosphe, dem Wasserwirtschaftsamt Marburg und der Außenstelle Marburg des Landesamtes für Denkmalpflege dankbar.")

 

Die Wetschafts-Aue zwischen Burgwald und Lahntal

 

Die Landschaft

Die von Norden von Wetter kommende Wetschaft bildet vor ihrem Einfluß zur Lahn unterhalb der Aumühle einen flachen, aus Auelehm bestehenden Schwemmkegel vor allem südlich des heutigen Flußlaufes. 

 

Die Wehre in der Wetschafts-Aue

 

Die Wehre

Auf den Wiesen dieses rund 1 km² großen Schwemmlandes stehen in zunächst unregelmäßig erscheinender Gruppierung paarweise kleine Pfeiler aus Buntsandstein.  Es sind lauter kleine Wehre, die durch ein Grabensystem aus lauter kleinen "Kanälen" miteinander verbunden sind.

 

Ein Wehr im Detail

 

Der Aufbau der Wehre

Diese Wehre bestehen aus langen quer zur Fließrichtung des Wassers im Untergrund horizontal verlegten mächtigen Steinschwellen, auf denen die senkrechten Pfeiler aufgesetzt sind. Diese sind in Fließrichtung des Wassers 0,42-0,50 m breit und quer dazu 0,48-0,60 m stark.  Auf der zum Wasserzufluß "oberen Bergseite" besitzen die Pfeiler je einen einfachen Versprung von durchschnittlich 7 x 7 cm, also eine halbe Nut, die als Widerlager zur Aufnahme der hölzernen Bretterwehre dienen. Die Steinpfeiler sind in der Regel außen leicht abgeschrägt.

 

An den Pfeilerpaaren der Hauptwehre sind außen an die Pfeiler zusätzlich Verkeilsteine eingesetzt, die bei stärkerer Strömung ein Umfließen der Wehrsteine verhindern. 

 

Auf der Oberseite der Steinpfeiler sind dann senkrechte Eisenstäbe - heute mit einem Schraubgewinde - eingelassen.  Diese halten jeweils horizontal aufgelegte rechteckige Querhölzer, welche in der Mitte mit rechteckigen Öffnungen die senkrechten nach oben und unten verstellbaren Holme der eigentlichen Wehre aufnehmen. 

 

Diese bestehen aus horizontal auf die Holme aufgenagelten Brettern, die genau in die Steinaussparungen passen und bei entsprechendem Wasserdruck gegen die Pfeiler gepresst werden.  In die senkrechten Holme gebohrte versetzt angebrachte Löcher ermöglichen durch einen Stecker die Regulierung des jeweils nötigen Wasserzuflusses.

 

Der Abstand der Steinpfeilerpaare, also die Durchfließbreite bei geöffneten Wehren schwankt zwischen 0,70 m an den weniger wichtigen Nebenkanälen und 1,35 m bei den Hauptkanälen.

 

Die Aumühle an der Wetschaft

 

Das Hauptwehr und Kanalsystem

Etwa einen halben Kilometer unterhalb der Aumühle ist in der Wetschaft ein starkes heute modern mit Beton befestigtes Wehr vorhanden, welches die Wetschaft bei entsprechendem Wasserbedarf staut.

 

Das Hauptwehr von der Talseite

Wenige Meter flussaufwärts zweigen dann auf der Nord- und der Südseite Kanäle ab, die das durch den Stau überfliessende Wasser in das Bewässerungssystem leiten.

 

Dieses verzweigt sich dann auf der Südseite in mehrere Stränge (vgl.  Plan Abb. 1) und führt auf der Südseite der Wetschaft parallel zu einem Graben (A), einem weiteren nach Südwesten, der wiederum vierfach geteilt nach dort bewässert (B, C, D, E) und einem Graben, der nach Südsüdwesten führt und unter die heutige Bahnlinie hinweg die Wiesen bewässert (F).

 

Im weiteren Verlauf nach Südwesten bis zur Bundesstraße Richtung Biedenkopf ermöglicht dann ein sehr sorgfältig ausgeklügeltes System mit den zahlreichen Stauwehren eine stufenweise Überflutung der Wiesen.

 

Dieses geschieht durch ein Verschließen der ersten höhengleichen Wehre, so dass sich die Kanäle füllen und über die Ufer treten. 

 

Stehen die ersten Wiesen etwa einen Tag lang unter Wasser, werden an den Kanalsträngen die nächsten Wehre geschlossen und die oberen geöffnet.

 

Je nach vorhandener Wassermenge kann so der gesamte Wiesenbezirk bis zu den Häusern entlang der von Göttingen aus Richtung Biedenkopf führenden Bundesstraße überflutet werden. 

 

Danach fließt das Wasser durch die am Ende miteinander verbundenen Kanäle Richtung Wetschaft ab.

 

Der auf der Nordseite oberhalb des großen Wehres von der Wetschaft abzweigende Kanal ist dann wiederum zweigeteilt. 

 

Ein Kanal (G) das Wasser entgegen der Fließrichtung der Wetschaft zunächst nach Nordwesten, biegt dann nach Norden und Osten um und führt das Wasser parallel zur nach Wetter führenden Bundesstraße schließlich wieder zur Wetschaft. 

Der andere Kanal (H) verläuft parallel zur Wetschaft nach Osten. 

 

Wegen des geringeren Gefälles reichen bei den letztgenannten Kanalsystemen nördliche des Flusses sechs Wehre zur Regulierung der Bewässerung, während auf der Südseite der Wetschaft 36 Wehre angelegt sind. 

 

Das Gefälle, zwischen der Oberkante des gestauten Hauptwehres der Wetschaft bis zu den Häusern beim Bahnhof Sarnau an der Bundesstraße - einer etwa 1 100 m langen Strecke - beträgt nur 6 m.

 

 

Die Nutzung 

Die Überflutung der Wiesen erfolgt heute in der Regel nach der ersten Heuernte im Juni. 

 

Das Wehreinwart 

Die "Betreibergesellschaft" hat heute offiziell den Namen "Be- und Entwässerungsverband Göttingen" und hat ihre jetzige Satzung am 22. Mai 1996 erhalten. 

Zu ihr gehören als Wieseneigentümer Bauern aus den Dörfern Unterrosphe, Göttingen, Sarnau und Goßfelden.  Die Gemarkungsgrenzen dieser vier Dörfer stoßen vielfach verschachtelt in dem Überflutungsgelände aneinander, worin sich sicher alte Besitzgrenzen abzeichnen. 

 

Der alte Name des Bewässerungsverbandes ist "Das Wehreinwart", wobei der Namensteil "-Einwart" nicht ganz zu klären ist. Der Namensteil taucht seit dem 16.  Jahrhundert nur in Oberhessen auf und bezeichnet wohl in etwa ein Gemeingut, ein Dorfeigentum oder in unserem Fall eine Interessengemeinschaft.

 

Aus der Historie

G. Landau berichtet 1847 von einer Nennung von 1611, die sich auf einen Tatbestand von 1587 bezieht. 

 

Daraus geht hervor, dass ein Christ Rößer aus Niederrosphe wegen starker Verschuldung seine Güter abgeben musste.  Als er auch eine Kastenwiese als ein Erbstück mitverkaufen wollte, wurde ihm dies nicht erlaubt und die Wiese fiel an einen Theis Buchenauer auf zunächst acht Jahre. 

Diese "Leihe" wurde dann zwei mal verlängert. Als dann nach 24 Jahren der vorherige Besitzer Rößer die Wiese wiederhaben wollte, wurde ihm dies verwehrt, "wie er dann auch kein Einfahrtsmann mehr" sei.

 

Es ergibt sich daraus, dass das Eigentum an den Wiesen eingeschränkt war und nur diejenigen, die die Wiesen bewirtschafteten, zur Wehreinwart gehörten. 

 

Die Hirarchie des Wehreinwarts 

Den Vorsitz führten zwei "Oberste" die zunächst jährlich, später alle zwei Jahre gewählt wurden und wechselweise aus Goßfelden und Sarnau und dann aus Göttigen und Unterrosphe kamen. 

Zum Vorstand gehörten weiterhin vier "Achter". Der Vorstand wurde vom Justizamt in Wetter verpflichtet.  Zusätzlich gab es einen "Aueschützen", der für die Sicherheit verantwortlich war und alle Frevel zu rügen hatte.

 

Die Obersten und die vier Achter bildeten das Einwartsgericht und bestimmten die althergebrachten Bußen.

 

Die Gerichtsbarkeit im Wehreinwart

In einem Bescheid der Regierung zu Marburg von 1718 wird die rechtliche Grundlage des Wehreinwarts, bestätigt, wenngleich dort und in der Folgezeit seitens der Obrigkeit immer wieder versucht wird, die Eigenständigkeit vor allem im juristischen Bereich einzuschränken. 

 

So werden 1753 mehrere Einwartsgenossen wegen zu früh vor der Freigabe, erfolgter Hute vom Rentmeister in Wetter bestraft, obwohl sie schon von den Obersten und Achtem bestraft worden sind. 

 

In einem Streit von 1777 wird entschieden, daß die Kostenverteilung nicht nach der Größe des jeweiligen Wiesenbesitzers umzulegen sei, sondern im Verhältnis des Nutzens, den jeder Einwart aus der Bewässerung habe, geschehen müsse.

 

G. Landau berichtet über eine im Jahre 1782 geführte Beschwerde gegen die Oberste und Achter, die wegen des Einblicks in die innere Verfassung des Einwarts hier wiederzugeben ist:

"Die Obersten und Achter gingen bei Abhaltung des Einwartsgerichtes von der Versammlung ab, an einen besonderen Ort, und bestimmten die Bußen ohne Anhörung des betreffenden Einwarts, lediglich auf die Rügen des Aueschützens.  Erst wenn sie zum Haufen zurückkehrten, sagten sie, wieviel Bußen im Allgemeinen erkannt worden seien, ohne jedoch einen Namen zu nennen.

Antwort:

Dieses sei wahr, auch wohl nicht in der Ordnung, aber altes Herkommen. 

 

Es würden Dinge bestraft, welche der Bescheid nicht nenne, bloß nach dem Herkommen.

Antwort:

Allerdings z.B. wer seinen Graben nicht gehörig aufräume, ihn nicht aussteche oder verändere, wer zu weit mähe usw.

 

Auch bei den Wehrarbeiten dürfe nicht geraucht werden; ebenso werde jede andere Ungebühr dabei bestraft, obwohl dies meistens nur die Armen treffe, weil die Reichen in der Regel nur die Kinder schickten.

Antwort:

Es fielen mancherlei Arbeiten vor; es würden Gräben gemacht, Rasen würde gestochen und zur Schlagung der Dämme herbei geführt: Dämme wurden aufgerichtet; vor der Heu- und vor der Grummeternte würde gewässert. (?) Alles dies geschähe gewöhnlich bei heißem Wetter und zur Erquickung gebe es nach vollbrachter Arbeit ein Gelag, in welchem jeder etwa ein Maß Bier erhalte.  Wer nun dabei gegen die Ordnung verstoße, werde bestraft."

 

Jeder Zusammenkunft folgt ein Gelage, obgleich nur zwei im Jahr erlaubt sind, hat man sich daran nicht gehalten.  Für diese Gelage gibt es besondere Strafregister, die 1782 festgelegt wurden:

 

- Verboten war es mit dem Krugdeckel zu klappern mit dem Krug auf Tische zu schlagen (30 Kreuzer). 

 

Wer einem, der nicht zur Genossenschaft gehört und raucht oder auch nur eine Tabakspfeife sehen lässt, zutrinkt (20 Kreuzer).

 

Wer selbst raucht oder auch nur beim Eintritt eine Pfeife sichtbar werden läßt (20 Kreuzer). 

 

Wer auf dem Heimgang Streit beginnt, muss so viel bezahlen, als die ganze Zeche beträgt. 

 

Die letztgenannten Regelverstöße dienten doch wohl mehr dazu, die "Saufkasse" aufzufüllen. 

 

Neben den allgemeinen Einnahmen der Wehreinwartskasse gab es noch besondere, die direkt an die Obersten und Achter fielen.

 

Veränderungen in den Einwartrechten 

Ein besonderer Eingriff in die Eigenständigkeit und eigene Gerichtsbarkeit geschah zur Zeit des Königreiches Westfalen, als 1809/1810 dem Einwart die Strafberechtigung entzogen und den königlichen Gerichten übertragen wurde.  Doch nach dem Ende des westfälischen Königreiches und der Wiederherstellung des Kurfürstentums erhielt das Einwart seine alten Rechte zurück.

 

Doch wurden seit 1845 die Einwartsrechte weiter eingeschränkt, und das Straferkennungs- und Beitreibungsrecht wurde von den Gerichten nicht mehr anerkannt, wobei sich das Wehreinwart immer wieder auf seine uralten Rechte berief.

Unser Einwart, dessen Ursprünge völlig im Dunkeln liegen, ist mit seiner inneren Verfassung ein einzigartiges Beispiel zur Geschichte der Landwirtschaft und zu frühem Genossenschaftswesen. 

 

Seit ein paar Jahren ist es ins Denkmalbuch eingetragen.

 

 

Weitere Bewässerungsanlagen

Vergleichbare Bewässerungsanlagen sind mir aus dem Twistetal bei Arolsen-Külte, aus der Schwalm und in einfacherer Form aus Fritzlar-Geismar und aus Wohratal-Langendorf bekannt, wenn sie auch nicht alle genossenschaftlich betrieben wurden.  Letztlich gehören auch die Bewässerungsanlagen der "Waale" beiderseits der Etsch bei Meran und weitere im Alpen- und Voralpenland zu den Vergleichsbeispielen.

 

 

Veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung vom "Oberst des Wehreinwarts".