Kirchenblatt "DEINE KIRCHE (November 1960)

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Altes und Neues aus Unterrosphe

Zusammengestellt von: Paul Fokken, 25.  Pfarrer des Kirchspiels seit der Reformation

Unter dem schriftlichen Austausch zwischen der Pfarrei Oberrosphe und dem fürstl. hess. Konsistorium in Marburg aus dem Jahre 1778 finden sich mehrere Schriftstücke, die sich mit der notwendig gewordenen gründlichen Renovierung der Kirche befassen. 

Renovierungen bedurften auch in damaliger Zeit schon behördlicher Genehmigung. 

Der Marburger Landrat von Baumbach schildert den trostlosen Zustand der Kirche,

"so inwendig schwartz an der Tünche und Farben schadhaft geworden."

Auf die Rückfrage des Consistoriums,

"ob die Reparation und .Ausweißung nothwendig",

erwidern der Pfarrer von Oberrosphe und der Amtmann von Wetter:

 "dieses punctum anlangend, so ist schon daher, weilen die Kirche im Jahr 1711 zum letzten Mahle ausgeweitet worden, abzunehmen, daß selbige seit der Zeit sehr unscheinbar und verblichen seyn müßte."

Es drohe im Chor ein schadhafter Balken herabzufallen.

In einer für uns interessanten Aufstellung, die dem Schreiben beigefügt ist, wird nachgewiesen, daß zwischen 1602 und 1712 der Kirchenkasten nicht weniger als 25 mal zu großen und kleinen Reparaturen und Renovierungen beigetragen hat. 

Verwunderlich ist es nicht, wenn man bedenkt, daß in der Zeit des 30jährigen Krieges die Kirche stark gelitten hat. Der Chronist erzählt, daß u.a. die Kaiserlichen die Glockenseile im Jahre 1641 stahlen.  Im Jahre 1644 zerschlugen sie die Kirchtüren, wohl um schnell trocknes Brennholz zu haben. 1646 wurde die Männerbühne wieder errichtet, die von dem schwedischen Kriegsvolk verbrannt worden war.

Dieses vorletzte Kriegsjahr war ein besonders hartes für die Einwohner der umliegenden Dörfer. 

"Es campierte eine Armada von 28000 Mann auf der Niederröspher und Goßfelder Aue. (Unterrosphe hieß in damaliger Zeit noch Niederrosphe) Am 11.  Juli schnitten sie in Oberrosphe alles Korn und Weizen rein ab; am folgenden Tag des gleichen in Unterrosphe und führten es in ihr Lager nach Kirchhain."

Dazu bemerkt der Chronist:

"Sehet, das ist ein Jahr, desgleichen das Hessenland keines mehr jemals gesehen hat!  Wunder ist es, daß es nicht gar ist zu einer Wüste geworden."

Es zeugt von einer großen Liebe zum Gotteshaus, daß man trotz Armut und Unsicherheit der Zeit die doch z.T. erheblichen Schäden an dem Gotteshaus zu beheben suchte. 

In der Aufstellung der Kastenrechnung ist interessant, daß im Jahre 1675 ein neuer Beichtstuhl errichtet worden ist, ein Zeichen dafür, daß in jener Zeit noch die Privatbeichte im Schwange war. 

Weiter erfahren wir, daß die schöne, nunmehr restaurierte Kanzel im Jahre 1685 erstellt worden ist.  Den Preis bezahlte der Unterrospher Kirchenkasten; er betrug 92 Gulden 7 Albus.  Die Anregung zur Erstellung dieser farbenfrohen Kanzel, wenn nicht gar der Entwurf, geht wohl auf den damaligen Pfarrer Johann Hermann Manger zürück, der auch den Taufstein für die Oberrospher Kirche gestiftet hat.  Schon seine feine Handschrift verrät bei ihm eine künstlerische Ader.

In Versforrri spricht er im Kirchenbuch seine Trauer über den Tod seiner Frau Anna Dorothea geb. Ludoviei und seines erst 11 Tage alten Töchterleins aus.  Sehr kurz war das Eheglück gewesen, die Frau war erst 32 Jahre alt, als sie starb. In der Tochter Anna Christina des Gladenbacher Pfarrers Werner fand er seine zweite Frau. Mit ihr und vier hier in Oberrosphe geborenen Kindern siedelte er 1688 nach Münchhausen über, um das Kirchspiel Christenberg zu versehen. Über der Geburt ihres 11.  Kindes starb an Heiligabend 1700 Anna Christina, Mangers 2. Ehefrau.  Mit viel Liebe hat der schwergeprüfte Witwer das schöne Epitaph fertigen lassen, das heute noch unweit der Begräbnisstätte im Chor der Christenbergkirche hängt. Kein Besucher der 'Kirche sollte versäumen, die schöne Tafel zu lesen. 

Manger hatte für die Oberrospher Kirche einen Taufstein gestiftet, der in seiner Art dem Taufstein in der Unterrospher Kirche sehr ähnelt.  Laut Kastenrechnung ist der letztere kurz nach Weggang Mangers 1689 aufgestellt worden und geht gewiß auch auf dessen Anregung zurück.

Ein besonderes Augenmerk des Besuchers verdient die schon erwähnte Kanzel in der Unterrospher Kirche, die Kirchenmaler Faulstich mit viel Liebe und Sachkenntnis restauriert hat.  Sie zeigt in ihrem Fuß die Jonas-Geschichte, d.h. einen großen Fisch, in dessen Rachen der Prophet kniet und seinen Dank ausspricht für die wunderbare Errettung. 

Will der Pfarrer, der, wie schon gesagt, wohl die Anregung gegeben hat zu, dieser Darstellung dadurch sein eignes Dankgefühl zum Ausdruck bringen nach schweren Jahren der Prüfung?  Oder dachte er an die Gemeinde, die in vergangenen Jahrzehnten harte Jahre durch Krieg und Kriegswirren, sowie durch Mißwuchs durchzustehen hatte? 

Im Mittelfeld des Kanzelkorbes steht der Cruzifixus, an beiden Seiten je 2 Evangelisten. 

Bemerkenswert ist noch der Schalldeckel der Kanzel, der zwar nicht so gewaltig ist wie der über der Oberrospher Kanzel, jedoch das gleiche Motiv zeigt, den Pelikan, der mit seinem Herzblut seine Jungen nährt, ein altes Christussymbol.

Bald nach Mangers Weggang wurde die alte Kirchtüre zugemauert und ein neuer Eingang geschaffen. Leider ist nicht mehr ersichtlich, wo der ursprüngliche Eingang gewesen ist.

Im Jahre 1780 wird allen Pfarreien aufgetragen, ein "Stuhlbuch" anzulegen.  Aus diesem ist ersichtlich, wo die einzelnen Familien ihren "Stammplatz" in der Kirche hatten. 

Im Chor, wo heute die Orgel steht, befand sich eine kleine Empore,

"auf welcher ohngefähr 7 bis 8 Personen stehen können.  Diese ist für die Kirchenältesten und Kastenmeister gewidmet.  Unter dieser Bühne, hinter dem Altar sind ringsherum Bäncke, worinnen die ledigen Manns-Personen und Knechte nach ihrem Alter stehen.  An diesen Bäncken sind wiederum ,Bäncke aufgehänget, so man niederlaßen und aufhängen kann.  Diese sind für die Schulknaben."

Zu dieser Zeit befand sich der Eingang zur Kirche auf der Südseite.  Von der Kanzel aus gesehen befanden sich hinter der Türe noch 2 kürzere Bänke, von dieser Seite aus führte auch damals die Treppe auf die Männerempore.  Bei den kürzeren Frauenbänken auf der anderen Seite hielten die Unterrospher

"einen zugemachten Gitter-Banck"

für die Familie eines Pfarrers reserviert,

"weilen sie immer das Hirngespinste einen besonderen Pfarrer zu bekommen gehabt"

bemerkt der Schreiber nicht gerade sehr zart. Vorerst wurde dem Schulrneister und seiner Familie dieser Stand eingeräumt.

Unser Kirchlein - wie alt mag es sein in seinen Anfängen? - hat im Laufe der Jahrhunderte mancherlei Veränderungen und Ausbesserungen erfahren, über die wir nichts mehr wissen.

Nun war es für eine "Generalüberholung" mehr als reif.  Die Kirche befand sich in einem bedenklichen Zustand, daß Eile geboten war, wenn sie nicht ganz verfallen sollte.

Durch Schadhaftigkeit des Daches und durch Insektenbefall waren mehrere Balken morsch und faul geworden.  Es mußte eine neue Balkendecke eingezogen werden und die ganze Dachkonstruktion durch Hängewerke berichtigt werden.  Dabei wurde das Dach völlig neu gedeckt. 

Da man früher solche Gebäude noch nicht isolierte und der Grundwasserspiegel auf dem Kirchplatz sehr hoch steht, hatte der Schwamm sein Zerstörungswerk an den ebenerdigen Holzteilen begonnen.  So mußte durch Drainage das Wasser abgeleitet und das Mauerwerk fachgemäß isoliert werden, ehe überhaupt mit den Verschönerungsarbeiten begonnen werden konnte.

Schiff und Chor erhielten ein neues Gestühl. Um dem alten Stil gerecht zu werden, wurden Brüstungsteile von früheren verwendet.

Eine Überraschung erlebten wir, als bei dem Entfernen der alten Kalkschichten im Chor zuerst in den Fensterleibungen alte Malereien zutage traten, für deren Entstehung das 14. Jahrhundert angenommen wird. 

Der ganze Chorraum war mit biblischen Scenen ausgernalt. Im Laufe der Zeit war, jedoch durch die aufsteigende Feuchtigkeit der Putz so mürbe geworden, daß nur einige Scenen bruchstückweise erhalten werden konnten, so der Einzug Jesu in Jerusalem, Kreuzabnahme und Auferstehung. In der Fensterleibung über der Sakristei ist Maria mit dem Kinde, ihr gegenüber Petrus, kenntlich an dem Schlüssel, zu sehen, meisterhaft mit wenigen Strichen gezeichnet.

Wer die Kirche während der Renovierung sah mit den Bergen von Schutt, konnte sich kaum vorstellen, daß sie noch einmal wieder in einen ordentlichen Zustand gebracht werden könnte. Es fehlte nicht an Stimmen, die die Arbeiten für eine vergebliche Mühe ansahen und einen völligen Neubau befürworteten; sie behielten aber nicht recht.

Nicht nur die Gemeinde selbst freut sich über ihr schmuckes Kirchlein. Schon mancher Fremde hat einen Blick hinein getan und sich gleichfalls gefreut.

Nicht unerwähnt bleiben darf das Crucifix, welches eine Leihgabe aus Ernsthausen ist.  Dort hing es in der Sakristei. Es war das Altarcrucifix in der 1912 abgerissenen Kirche gewesen.  Kirchenmaler Faulstich hat es mit viel Geduld und Liebe restauriert. 

Am 11. Oktober, am Erntedankfest 1959, durften wir den ersten Gottesdienst wieder im Gotteshaus feiern. Der Predigt lag das Wort zu Grunde, das der Alt-Bundespräsident Heuss mit einer eigenhändigen Widmung in die von ihm gestiftete Altarbibel geschrieben hatte.  Apostg.14, 17.

Nun nach einem Jahr hat die Kirche, wie das Titelbild zeigt, auch ein schönes äußeres Gewand bekommen. 

Das Tor in der Umfassungsmauer wurde früher einmal von den Einwohnern jenseits des Rosphebaches benützte.

Zu den Kosten für die Wiederherstellung der Kirche trugen das Landeskirchenamt, der Landeskonservator und der Kreis bei, nachdem etwa 7500 DM durch Spenden aufgebracht waren. 

Ihnen gilt unser Dank. Jedoch darf auch hervorgehoben werden, daß die Gemeindeglieder von Unterrosphe und dem eingepfarrten Ort Göttingen sich durch Opfer und freiwillige Arbeitsleistung rege beteiligt haben. 

Mit ihrer Erfahrung und ihrem guten Rat stand bei allen Arbeiten Dipl. ing. Anneliese Klappenbach von der Außenstelle des Landeskonservators zur Verfügung.

Nun bleibt noch die Gestaltung des großen Kirchplatzes, bis kurz nach der Jahrhundertwende Gemeindefriedhof, der mit einer Planierraupe eingeebnet wurde. 

Die Umfassungsmauer und besonders in ihr der idyllische Torbogen bedürfen der Sicherung vor weiterem Verfall.  Aus dem anfangs erwähnten Schriftwechsel mit dem fürstl.  Konsistorium in Marburg geht hervor, daß über dem Torbogen bis 1778 ein zweistöckiges Gebäude mit Fachwerk und Schieferdach gestanden hat, das damals schon sehr baufällig gewesen ist.  Um ein Unglück durch Einsturz zu vermeiden, bittet der Pfarrer Ortwein um die Genehmigung des Abbruchs. 

Nach Meinung Ortweins hat der Bau wohl gegen 200 Jahre oder länger leergestanden und vorher als Fruchtbau gedient.  Dadurch wird erhärtet, daß es sich bei dem Ganzen um eine regelrechte Wehranlage gehandelt hat. 

Sie war der Mittelpunkt des gewiß immer kleinen Dörfchens Unterrosphe. 

Wir möchten von Herzen wünschen, daß auch weiterhin dieser Platz die Mitte des Dorfes bleibt und das Kirchlein der Ort, da Gottes Ehre wohnt.